Die Adventszeit ist die geeignetste aller Zeiten, um die kulturelle Leistung "Tätowierung" zu würdigen. Der soziale Weg, den die Unter-der-Haut-Tinte genommen hat, ist beachtlich: Seefahrer brachten sie von der Südsee mit nach Europa. In Russland, so geht die Legende, waren Seeleute am Hals in Kehlkopfnähe tätowiert und bekamen aufgrund eines Erlasses Peters des Großen, Wodka für umsonst in den Petersburger Kneipen. Statt einer mündlichen Bestellung schnippten sie sich einfach gegen die Kehle - eine Geste, die bei den Russen noch heute für "Sich besaufen" steht.
Es tätowierte sich im 20. Jahrhundert, wer sozial nichts zu verlieren hatte: Knastbrüder, Auto-Scooter-Buden-Betreiber. Und im Anschluss jene, die demonstrieren wollten, dass sie nichts zu verlieren hätten: Rockmusiker, Punks. Die Erodierung sozialer Konventionen führt schließlich zum Barriere-Bruch um die Jahrhundertwende: Jetzt wird die 60jährige von ihrer Tochter überredet, sich aus optischen Gründen "was Schinesisches steschen" zu lassen, wo früher ein "Streenchen" beim Frisör gereicht hätte. Aber obwohl in Deutschland heute jeder Vierte zwischen 30 und 40 tätowiert ist, sind die Dauerbemalten immer noch nicht auf der sicheren Seite.
Tätowierte tendieren eher zu riskantem Verhalten und Selbstmord.
Sie haben insgesamt ein geringeres Bildungs-Niveau.
Sie haben geringere Chancen, einen Job zu finden und verdienen im Schnitt weniger.
Aber all die Nachteile werden natürlich aufgewogen dadurch, dass Altenpfleger in ein paar Jahrzehnten ihre Arbeit an unserer Generation viel lieber verrichten werden, einfach weil es auf unseren Körpern viel mehr Botschaften zu entziffern gibt. Unser Körper gleicht dann mittelalterlichen Fresken, und die Pflegerinnen werden untereinander prahlen, wer die interessantesten Botschaften zu lesen vermag.
Um die eigene Toleranz für Tätowierungen zu testen, kann man das Gedankenexperiment durchführen, welche Art von Tätowierung hinzunehmen bereit wäre, wenn man, sagen wir, wegen eines Verkehrsdelikts im Gerichtssaal sitzt und der Richter, zu den Dauerbemalten zählt. "Love" und "Hate" auf den Fingerknöcheln? Ein aus dem Roben-Kragen herausragender Drachenflügel? Ein tätowierter Clownsmund? Oder die Aufschrift auf der Stirn: "Ich gehorche nur Doktor Mabuse"?
Heute Abend wird uns unser englischer Lieblingsgast Jacinta Nandi vielleicht darüber aufklären, was es mit der neuen aristokratischen Frauen-Bewegung auf sich hat, die das männliche Monopol auf die Vererbung von Baronen-Titeln knacken will.
Donnerstag, 5. Dezember 2013
Mittwoch, 27. November 2013
Pharrell vs. 1990
Eigentlich wollte ich
hier heute überzeugend zur Frage Stellung nehmen, ob die
Inanspruchnahme sexueller Dienstleistungen strafrechtlich
sanktioniert werden muss, wie es Alice im Wunderland fordert. Nicht
alle, die diesen Blog lesen, hatten die Möglichkeit, und ich möchte
ganz uneitel hinzufügen: das Vergnügen, letzte Woche unserer
Veranstaltung beizuwohnen, auf der wir uns bereits
kriterienorientiert und unter Berücksichtigung verschiedener
Betrachtungsebenen und Perspektiven diesem heiklen Thema gestellt
haben. Bedauerlicherweise beschäftigen mich gerade noch wichtigere
Angelegenheiten. Soeben musste ich feststellen, dass Pharrells neues
Video Happy gar nicht, wie
angekündigt, auf die Sekunde genau dieselbe Zeit anzeigt wie die,
zu der man es sieht. Bei mir ist es beispielsweise gerade 20 Uhr 15
und das Video hinkt zweieinhalb Minuten hinterher. Welche Zeitzone
soll das sein? Sachsen-Anhalt? Ist das die versprochene interaktive
Revolution? War es wert, dafür 24 Stunden lang unbezahlte Komparsen
zu verheizen? Sollten nicht erstmal die Basics stimmen, dass man die
Uhr richtig stellt, bevor man das Rad neu erfindet? Da lobe ich mir
doch die guten alten Zeiten, als es in Musik-Videos noch in erster
Linie um Musik ging. Nicht alles war schlecht in den 90er, eine
Meinung, in der mir sicherlich Alfred beipflichten würde, unser DJ
letzte Woche, der auch aus erwähntem Jahrzehnt stammt. Ob Steffen, der
diesen Donnerstag auflegt, das genauso sieht, werden wir ihn morgen
fragen. Soweit ich das heute beurteilen kann, werden wir alle an Bord
sein und Geschichten vorlesen, die mindestens genauso gut sind wie die sieben Tage zuvor.
S.S.
Mittwoch, 20. November 2013
Der Gute und der Böse
Eine Frage, die mich
schon lange beschäftigt, ist die, warum in amerikanischen Serien der
Vice President immer der Böse ist, während sein Vorgesetzter stets
sympathisch gezeichnet wird oder im schlimmsten Fall gar keine Rolle
spielt. Genannt seien nur The West Wing, 24 und
Homeland. Die Liste
ließe sich noch beliebig lange fortsetzen, wenn mir die anderen
Beispiele gerade nicht entfallen wären. Kann das denn sein, dass der
Präsident immer eine ehrliche Haut ist, während sein Stellvertreter
ein falsches, hinterhältiges, eigensüchtiges Spiel treibt? Warum
wurde dieser Punkt eigentlich noch nie in den Medien diskutiert, stattdessen nur lang und breit der Realismus der Autoren gepriesen ? Das ist doch eigentlich ein Aspekt, der
jedem Zuschauer aufstößt, der nicht total verblödet ist. Wir werden
morgen ab 20 Uhr 30 darauf Antworten suchen und die Veranstaltung nicht eher
beenden, bis wir welche gefunden haben, die wirklich jeden zufrieden
stellen. Hier noch ein musikalischer Act, der sich dieser
Problematik auf ganze individuelle Weise nähert.
S.S.
Donnerstag, 14. November 2013
Einen Versuch ist es wert
Die meisten von Euch haben es gewiß schon erlebt: Ihr steht am Donnerstag stundenlang frierend in der Schlange zum Badehaus Szimpla, nur um dann mit einer arroganten Geste vom Türsteher abgewiesen zu werden. Die Enttäuschung über die verpassten zweieinhalb Stunden Unterhaltung mit den schönsten Schriftstellern Berlins überwiegt zunächst, doch nach und nach lassen aufkommende Selbstzweifel keinen Raum mehr für andere Gefühle. War es das Outfit, ein billiges Deo, ein falscher Blick? Oder ist man einfach zu hässlich, zu uncool, zu doof? Nur die emotional stabilsten schaffen es, die Selbstzweifel abzuschütteln und es am nächsten Donnerstag wieder zu versuchen. Den Rest sieht man mit stierem Blick in Mülltonnen nach Pfandflaschen suchend, um das Geld für den nächsten Schuß aufzutreiben.
Wir können nichts gegen die rigide Türsteherpolitik im Badehaus Szimpla tun, aber wir können Euch zumindest dabei helfen, den Türsteher zu überlisten. Es kommt einzig und allein auf den Gang an! Seht selbst.
(Wir freuen uns auf die vielen neuen Gäste heute)
Dienstag, 5. November 2013
Die Heimkehr des Andreas K.
Ob Andreas Kampa
ein Fan von Lynyrd Skynyrd ist, können wir – ehrlich gestanden – nicht
beantworten. Wir sind es jedenfalls nicht. Aber wir haben diesen Donnerstag nun
die Gelegenheit, ihn dazu zu befragen, denn nach gefühlten zehn Jahren Trennung
ist er endlich wieder mit an Bord. Wie ist es eigentlich, nach so langer Zeit
zurückzukehren? Hat er ebenfalls, wie Ronni van Zant, mehrere Nächte in der
Gosse geschlafen? Ist das der Grund für seine Heimkehr, weil es im Badehaus immerhin ganz gemütlich ist? Oder musste er zunächst Schulden begleichen
und hat jetzt den Kopf wieder frei für Literatur? Alles ist heutzutage denkbar.
Wir werden Andreas ganz genau zuhören. Bis dahin noch ein bisschen Musik. Einen
blöden Song für die mit blödem Musikgeschmack und einen guten Song für die mit gutem
Musikgeschmack.
S.S.
Donnerstag, 31. Oktober 2013
178212 + 184112 = 192212?
Wen interessiert die NSA, der eigentliche Skandal ist doch, dass heute, an Halloween, keine Treehouse-of-Horror-Episoden auf Pro7 gezeigt werden, wie es eigentlich Tradition ist.
Ich würde zum Beispiel sehr gern noch mal die ziemlich krasse Episode sehen, in der es Homer in ein Universum verschlägt, welches tatsächlich drei Dimensionen hat. Aus dieser Episode stammt auch der Schnappschuß oben. Laut Fermat kann die Gleichung, die zu sehen ist, nicht hinhauen, aber eine Überprüfung mit dem Taschenrechner scheint sie zu bestätigen. Haben die Simpsons-Macher eine mathematische Sensation in einer Treehouse-of-Horror-Episode versteckt?
Die ersten zwei, die heute an der Kasse erklären können, warum Fermat doch recht hat und wo der Fehler liegt, kommen umsonst rein.
Unser heutiger Gast weiß natürlich, was dahinter steckt. Er weiß sogar alles, denn er ist schließlich Gotti.
Mittwoch, 23. Oktober 2013
Au revoir Kirsten
Zugegeben, als wir am 27.
März 2008 das erste mal mit Kirsten Fuchs als Mitglied unserer
Lesebühne antraten, war uns allen nicht ganz wohl bei der Sache.
Natürlich las sie auch schon damals Geschichten, die den einen oder
anderen Zuhörer und Zuschauer immer mal wieder zum Schmunzeln
brachten. Aber wie würde unser Publikum reagieren, wenn wir es
wagten, ihm eine Frau vor die Nase zu setzen, zumal eine, die mit
ihren 31 Jahren doch noch ziemlich grün hinter den Ohren war? Würde
es uns diese Neuerung verzeihen - obwohl wir es seit 1999 auf uns als
schönste männliche Schriftsteller Berlins eingeschworen hatten -
und Kirsten warmherzig aufnehmen? Oder sie zurückweisen und die
Herstellung alter Verhältnisse einfordern? Nun ja, unsere
schlimmsten Befürchtungen wurden noch übertroffen. Nicht nur, dass
Kirsten umgehend akzeptiert wurde, sie stahl uns auch sofort die
Show. Wie oft machten Gäste in den letzten Jahren am Einlass wieder
kehrt, wenn sie erfuhren, dass sie an jenem Abend nicht mit von der
Partie war? Wie oft vernahmen wir die Frage: Wann
liest endlich wieder Kirsten? Oder:
Wer sind diese
Männer auf der Bühne?
Wie oft gab es für ihre Beiträge frenetisches, nicht enden
wollendes Klatschen, während man uns anderen gerade mal
Höflichkeitsapplaus spendete? Wie viele ihrer Bücher gingen seit
2008 über unseren Büchertisch, während unsere Werke von den
Besuchern unserer Lesungen, wenn wir Glück hatten, bestenfalls aus
Mitleid mal durchgeblättert wurden? Wir wissen es nicht, sind uns aber
sicher, dass sie wohl auch bei der After-Show-Disko, so wir denn noch
eine hätten, an unserer statt zum Tanzen aufgefordert worden wäre.
All dieser Zuspruch hat Kirsten nicht gereicht, denn diesen
Donnerstag verabschiedet sich nun endgültig aus unserer Lesebühne,
eine Entscheidung, die wir sehr bedauern und nicht verstehen. Denn
was kann ihr das Leben ohne die wöchentliche Chaussee bieten? Nur
eine Erklärung erscheint uns halbwegs plausibel: Sie tritt aus dem
Scheinwerferlicht, damit wir nicht weiter in ihrem Schatten stehen
müssen. Tja, so sind die Frauen, immer ein großes Herz am rechten
Fleck. Wir werden sie vermissen. Und ihr sicherlich auch. Deswegen
nutzt die letzte Möglichkeit, sie noch mal als Enthusiastin zu
erleben. Plätze können auch bei uns reserviert werden.
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