Chaussee der Enthusiasten
Die letzte Show



LESEBÜHNE - 20:00 Uhr
Nur noch am Mittwoch, dem 9.12. in der Alten Kantine

Donnerstag, 26. April 2012

Synästhetik

Der alte Schulhof hatte sich sehr verändert: Die Tore waren versperrt, und nur weil das eine Tor zufällig bloß angelehnt war, konnte ich ihn betreten. Aus der Raucherecke haben sie einen Basketballplatz gebastelt. Wo wir früher heimlich mal einen kleinen Spruch mit Kreide an die Wand malten, prangen heute stolze Graffiti.
Die 60-Meter-Bahn ist verschwunden. Und aus den mickrigen Strünken sind prächtige Linden geworden. Die abblätternde Farbe der Fassade haben sie kunstvoll wieder angeklebt.
Und doch - ich hatte sofort wieder den Geruch des Schulgebäudes in der Nase, ohne dass ich es betreten hatte: Der Pubertäts-Schweiß, an dessen Dichte man praktisch die Uhrzeit ablesen konnte. Nach der sechsten Stunde war er unerträglich. Die Mischung aus Pisse und Reinigungsmittel in der Nähe der Toiletten. Ein Hauch von Bohnerwachs. Holz/Leim/Gummi in der Nähe des Werkkellers. Wöchentlich fluktuierende Dämpfe aus dem Chemie-Labor (im Bild unten links). Und über allem schwebte immer, und das war auch nach den intensivsten Putz-Subbotniks nicht wegzukriegen das Aroma vergorener Milch. Unsere alte Frühstücksmilch klebte in den Mülleimern, jeder einzelne Tafelschwamm bestand zu 10% aus Milchsäurebakterien, Altmilch hing in unserer Kleidung und unseren Mappen, sie war ins Linoleum und in die Steintreppen eingesogen. Wir düngten den Asphalt mit ihr.
Die ersten drei, die wissen, welche Schule hier abgebildet ist, bekommen für heute Abend zwei Freikarten.
Es lohnt sich; denn unsere Gäste sind Rayk Wieland und Spider.
(D.R.)

Mittwoch, 11. April 2012

Die seltsame Stadt

Die auflagenstärkste Wochenzeitung titelt mit einem Kind, das eine Pistole hält: "Die Roma kommen."
"20 Minuten" ist gratis.
Alle sehen in dieser Stadt so gesund aus, selbst die Raucher und die Penner.
"Richard III." in der Übersetzung von Thomas-Brasch im Theater, und ich erwische ausgerechnet im dämonischsten Shakespeare-Stück den Sitzplatz mit der Numer 666.
Das türkische Wort "Haydi" heißt auf deutsch "Auf!" oder "Los!"
Warum sitzt der Denker überm Höllentor?
Öffentliche Toiletten sind gratis, smart designt und sauber.
Ein Schlumpf promovierte hier und ist jetzt Präsident.
Heute abend fahr ich Zug nach Zug.
Wo bin ich?

Donnerstag, 5. April 2012

Wat ooch mal jesagt werden musste

Warum nur schweigen wir so lange!
Eine Woche fast ist vergangen.
Zeit! Oh, Unerbittliche du,
die du den Reichen nicht
noch auch den Armen verschonst.
Betrügerin oder Betrogene?
Doch löst sich schon die Feder,
nicht die der Gans, deren Kiel
zu Nutzen ward Millionen vor uns.
Die Feder der Laptoptastatur,
auf heimlich-schaurige Weise
Pixel formend, die Tinte
unseres Jahrhunderts.

Und nun, die Uhr tickt gnadenlos,
letzte "Striche", korrigiert
das Autorenkollektiv,
stets bedenkend, den Hörern
das Beste zu geben.
Nicht was sie erwarten,
sondern was sie verdienen.
Ohne Maulheldentum.

"Comedian", "Kabarettist",
die Verdikte sind geläufig.
Flinke Lippen, kecker Blick.
"Unterhalte uns!", wispert die Masse.
"Belehre sie!" nagt die Vernunft.

"Seid keine Frösche!",
sag icke.

Dienstag, 27. März 2012

Lana Del Rey ist tot

Oft schon haben wir uns gefragt, warum unser Publikum nach unseren Lesungen zur Disko nicht ab-, sondern lieber sofort weggeht. Vielleicht ist der Fehler bei uns zu suchen. Vielleicht verrichten wir unseren Job an den Turntables zu reserviert, zu schüchtern. Stille Wasser mögen tief sein, laden aber nicht unbedingt zum Surfen ein. Dieses ostbrandenburgische Sprichwort kam mir wieder in den Sinn, als ich neulich zufällig auf einer alternativen Videoplattform diesen Mitschnitt entdeckte.



Schwer vorstellbar, dass gefilmter MP3-Arrangeur seine exaltierte Motorik beibehalten würde, wenn die adressierte Crowd ihm dies nicht mit bedingungsloser Hörigkeit danken würde. So soll es also sein. Fortan werden wir uns vor unseren Laptops bzw. CD-Playern mindestens genauso ins Zeug legen. Eröffnen wird diese neue Ära Robert, der schon immer mal so richtig aus sich rausgehen wollte. Möglicherweise unterstützt ihn dabei auch Volker Strübing, der diese Woche das letzte Mal unser Gast ist, zumindest für den Monat März. Ihr müssz dann aber auch mitmachen.
S.S.

Dienstag, 20. März 2012

Montag, Dienstag, Mittwoch, Super-Donnerstag

Rein metrisch betrachtet, müsste die Aufzählung noch fortgeführt werden. Aber erstens ist der Sonnabend ja bereits mit dem Superlativ belegt. Und zweitens lässt sich der Donnerstag eigentlich nicht mehr toppen. Donnerstag ist ja wohl der Supertag schlechthin. Denn jeden Donnerstag geben sich die sechs Superautoren der Superlesebühne Chaussee der Enthusiasten ein Stelldichein. Ein Supertext gibt dem nächsten die Klinke in die Hand. Jeder einzelne ist gespickt mit Superpointen, aber auch mit Supertiefgang. Und das nun schon seit zwölf Superjahren. Und wenn man bedenkt, mit welchen Supergäste diese Superveranstaltung regelmäßig aufwartet, diese Woche mit Superthilo Bock, Supervolker Strübing sowie Superanja Maier von der supertaz, dann ist es nicht verwunderlich, wenn unser Superpublikum am Ende des Abends superhappy nach Hause wankt. Hingegen ist es völlig unverständlich, dass es nach dem Donnerstag noch weitere Tage gibt.

Mittwoch, 14. März 2012

Juwelen der Stadt

Viel zu selten weisen wir an dieser Stelle auf Berliner Kulturveranstaltungen hin. Dabei gibt es immer wieder, von der großen Öffentlichkeit unbeachtete Kleinode, die uns sehr erfreuen. Vor gerade mal zwölf Jahren beispielsweise entdeckten wir im Keller der Tagung, einer Kneipe in der Wühlischstraße, ein paar junge wilde Autoren auf, die uns mit ihren locker vorgetragenen Texten, die nicht ohne ein Augenzwinkern geschrieben waren, köstlich amüsierten. Mittlerweile – also seit zehn Jahren - haben die sechs Künstler, nunmehr im besten Alter, die ihrer Lesebühne den originellen Namen „Chaussee der Enthusiasten“ gegeben haben, die muffigen Katakomben der Berliner Unterwelt verlassen, um ihre Werke ebenerdig zu präsentieren, und zwar jeden Donnerstag um 20 Uhr 30 im noblen Gentrifizierungshotspot RAW-Tempel, genauer: in der dort gelegenen Stenzerhalle. Sogar eine Frau darf inzwischen mitlesen. Die ist aber diese Woche nicht dabei. Vertreten wird sie von einem gewissen Volker Strübing, der vor allen Dingen denen ein Begriff sein dürfte, die schon mal auf youtube waren. Oder von einem gewissen Felix Jentsch, nebenberuflich Surfpoet. Oder von beiden. So genau weiß man das ja vorher nicht.
S.S.

Mittwoch, 7. März 2012

Wer ist unser Freund

Früher war es einfach. Mit Leuten, die Sting hörten, konnte man nicht befreundet sein. Doch mit wem kann man heute nicht befreundet sein, nun, wo Sting tot ist? Mit Sven Regner-Fans oder Menschen, die zu den Konzerten von Gispert zu Knyphausen gehen? Wahrscheinlich ist das ohnehin der falsche Fokus. Wer hört schon noch Musik, wo doch den ganzen Tag im Fernsehen irgendwelche Serien laufen, die am nächsten Morgen für den Schulhof-Buzz sorgen. Also, ich könnte es mir beispielsweise nicht vorstellen, jemanden sympathisch zu finden, der The Shield The Wire vorzieht oder Mad Men über Breaking Bad stellt. Und welcher Seriengeschmack ist eigentlich unvereinbar mit einer Facebook-Freundschaft zur Chaussee der Enthusiasten? Sind lediglich die Two and a Half Men- und How I Met Your Mother-Anhänger inkompatibel? Oder auch die von The Big Bang Theory? Morgen ab 20 Uhr 30 werden wir dazu sicherlich Stellung nehmen. Bis dahin kann man mit diesem Video noch ein bisschen Englisch lernen.